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  Der Test

THE REAL CRIME INC PRESENTS: Die geheimnisvollen Fälle des Inspektor Zwezler

Fast hätte Moik ein Kleinkind überrannt. Er konnte nicht aufhören, auf die Formation der Gebirgsjäger zu starren, die gerade beim Volkstheater Richtung Parlament einschwenkte. In seinem tiefsten Inneren saß nämlich noch immer die Sehnsucht, die er seinerzeit bei der Stellung verspürt hatte: Diesem Land nicht nur in den Tiefen, sondern auch in den Höhen beizustehen. „Mein lieber Moik, sie schwenken ja ihre Fahne, als wäre sie ein hyperventilierender Scheibenwischer. Wir sind ja hier inkognito.“ Zwezler, diesmal in seinem besten senffarbenen Sakko, übernahm souverän den Rhythmus und gab wie beim Staffellauf den rot-weiß-roten Schwung an seinen Kollegen weiter. „Sie wissen doch Moik, dies wird eine unserer schwierigsten Aufgaben werden. Unser Land und das Land der Europäischen Union sind in größter Gefahr. Unser Bollwerk wird an allen Ecken und Enden löchrig wie ein Billardtisch. Das wird uns noch den Todesstoß versetzen. Aus der Geschichte haben wir gelernt, der Untergang einer jeden Kultur beginnt mit ihrer Durchlässigkeit. Sie verstehen, was ich meine?“ Ohne lange eine Antwort abzuwarten, setzt der Inspektor aufgeregt fort. „Deshalb wurden wir ja auch vom Herrn Minister Schnurz damit beauftragt, einen Wertetest für Asylwerber_innen zu entwerfen. Auch um etwaige Gefahren frühzeitig erkennen zu können.“

„Da kommt mir gleich so eine Idee, Chef. Wenig Aufwand und dafür effektiv.“ Der Moik hat seine Fähnchenhand zur Faust geballt und lässt diese anschaulich in die leere Handfläche sausen. „Einfach mit dem Hammer so lange auf die Hand hauen, bis die Person AU schreit. Dann hat sie verloren. Also nicht bestanden. Oder noch besser, man lässt die Leute so lange im Warteraum sitzen, auf den alten furchtbaren orangen Plastikschalensesseln, bis die Person freiwillig umfällt. Und wer liegt, hat ebenfalls nicht bestanden.“

„Aber Herr Kollege. Wertetest. W_E_R_T_E_T_E_S_T und nicht Härtetest. Wir wollen überprüfen, ob diese Personen überhaupt unsere Werte erreichen können. Herr Moik, wir sind doch schließlich Humanisten und keine Barbaren.“

„Sie haben natürlich Recht, Herr Inspektor. Wie sagt schon der Indianer: Unsere Werte sind die Härte!“
„Aber Moik.“

„War nur ein Witz. Im Übrigen bin ich ganz der Meinung vom Minister Schnurz. Sonst kommt da jeder Krattler zu uns herein. Kaum hat man unseren Leut’ den Bauernschnäuzer endlich abgewöhnt, holt man sich die nächsten … “

„Sicherheit und Hygiene sind sehr wichtige Punkte. Auf beides muss geschaut werden. Und so sauber und sicher wie bei uns, ist es kaum wo.“ Und tatsächlich, vor Zwezlers Zeigegeste, die Moik ein bisschen an Dirigenten erinnerte, die demütig den Applaus an das Orchester weiterleiteten, zeigte sich die prächtigste Szenerie. Vor dem säuberlich zusammengeräumten Parlament knatterten gerade die festlich geschmückten, gepanzerten Gruppentransporter, Pallas Athene genoss die herbstlichen Sonnenstrahlen und davor wogte ein klares Meer an Fahnen. „Aber vor allem, mein lieber Moik“, der Inspektor ließ gerade zu einer ausladenden Geste hinreißen, „geht es um die Demokratie. Wie stehen diese Menschen zur semipräsidialen, föderal parlamentarisch-demokratischen Republik, wie wir es hier in Österreich zu tun pflegen? Und was sagen sie zur Gewaltenteilung?“ In dem Moment schoben sich ein paar Kampfflieger dröhnend durch die Lüfte und warfen ein paar Fallschirmspringer ab, die schaukelnd dem Urban Loritz-Platz zuwackelten. Sie stießen dann später mit der U-Bahn zu den weiteren Festlichkeiten und wurden dort mit Applaus in Empfang genommen. „Da bin ich auch neugierig, Herr Inspektor“, schrie der Moik, im Angesicht des Fluglärms dem Zwezler ins Ohr, „denn in Österreich liegt die Gewalt in sicheren Händen. Polizei, Militär und Verfassungsschutz. Da ist sie gut aufgeteilt. Wenn einer aufmüpfig wird und sich nicht an die Spielregeln hält, dann machen wir schnapp.“ Im Ausklingen des Motorenlärms legte der Moik ein wohlklingendes „that’s how we game in Austria“ nach.

Mit einem für die Umstehenden nicht merklichen, also höchst professionellen Rempler unterband Zwezler, dass Moik schon wieder der aus Höflichkeit schweigenden Oma die Fahne ins Gesicht wachelte. Jetzt flüsterte er fast: „Damit wir in kürzester Zeit ein Maximum an Werten abprüfen können, ist hier wie immer eine präzise Methodik gefragt. Was sollen wir denn tun, wenn die instinktiv immer genau das Gegenteil dessen ankreuzen, was sie eigentlich im tiefsten Inneren fühlen?“. Der Moik kratzte sich ob der schwierigen Frage mit dem Fähnchen am Kopf, so wie er es in der Schulzeit mit dem Bleistift machte und da kam ihm schon eine Antwort. „Was mich bei Prüfungen immer am meisten verwirrte, waren Fragen mit mehr als einer Antwortmöglichkeit zum Ankreuzen.“. „Sapperlot, Herr Moik!“ klatschte der Inspektor begeistert in die Hände. „Das ist es. Multiple Joyce! Wir brauchen ganz perfide Mehrfachantworten, die gleich einem Kohlefilter alle bösen Wertepartikel festhalten!“

„Irgendwas Gemeines. Etwas mit schwul und Feminismus.“

„Das ist es: Ihre Tochter engagiert sich gegen Antiheteronormativität. Wie reagieren Sie?

a) oft, b) manchmal, c) selten, d) nie“

Als hätte sie eine unsichtbare Hand zueinander gedreht, schmunzelten sie sich plötzlich an und nicht einmal die einsame Fahne, die achtlos zwischen Zigarettenstummeln und zerdrückten Bierdosen lag, konnte diesen magischen Moment trüben.

online seit 18.03.2016 14:59:12 (Printausgabe 73)
autorIn und feedback : The real crime inc




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