menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  „Von Hier Aus – Beyond Elsewhere“

Ein Film über alternative Lebensentwürfe

Katharina Lampert und Johanna Kirsch zeigen in ihrem Dokumentarfilm, Menschen, die in der Regel als „Aussteiger_innen“ beschrieben werden. Diese widerum sehen sich aber aber doch vielmehr als „Einsteiger_innen“.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen?

Als wir mit dem Film begonnen haben, waren wir in einer Phase unseres Lebens, wo wir uns beide gefragt haben: Wie soll es eigentlich weitergehen mit uns? Wir hatten das Gefühl zwischen den Welten zu stehen: einerseits in der Welt des Mainstreams bestehen zu müssen und dies andererseits mit unseren Vorstellungen von einem sinnvolleren Leben zu vereinbaren. Wir haben uns gedacht, wir suchen einfach Menschen, die uns inspirieren können, die die Dinge gemeinschaftlich, künstlerisch, ökologisch und ökonomisch anders machen und fragen sie! Es ging uns dabei aber nicht um ein Casting der besten Lebensentwürfe, sondern vor allem um den Prozess, den diese Menschen durchgemacht haben, warum sie da sind, wo sie jetzt sind und wie sie dahin gelangt sind.

Was hat eure Herkunft und was haben eure Eltern damit zu tun?

Unsere Eltern sind im konservativen Nachkriegs-Österreich aufgewachsen und hatten das Bedürfnis, die Dinge anders zu machen als die Generation ihrer Eltern es getan hat. Wir sind also mit Ideen und Wertvorstellungen großgeworden, in denen es um die Suche nach Alternativen ging, nicht darum, mit dem Strom zu schwimmen. Dieses Grundgefühl hat sich durch unsere Kindheit gezogen und uns bis heute nicht verlassen.

Wie sind die Kontakte zu den Aussteiger_innen entstanden und warum habt ihr euch für die drei Dargestellten entschieden?

Wir haben drei Jahre recherchiert und mehrere Projekte angeschaut. Am Ende sind die drei Positionen übrig geblieben, die jetzt im Film sind. Zum einen weil wir uns miteinander wohl gefühlt haben und eine Vertrauensbasis da war. Zum anderen weil es für die Beteiligten auch Sinn ergab sich einer Öffentlichkeit zu stellen, mit dem Hintergedanken auf dieser medialen Ebene etwas zur Gesellschaft beizutragen.

Gut gefallen hat mir die filmische Darstellung der Diskrepanz zwischen schönen, statischen Landschaftsbildern und den nicht ganz so romantischen Alltag. Kam die Entscheidung hierzu durch die Erfahrungen, die ihr während der Filmaufnahmen gemacht habt?

Uns war von vorne herein klar, dass wir bei so einem Film, der ausschließlich an diesen wunderbaren Orten entstehen soll, krass gegensteuern müssen, damit nicht das passiert, was wir ja eigentlich neu-schreiben wollen. Die Medien machen das ständig mit alternativen Ansätzen, nämlich durch romantisierte, verklärte Bilder über „das andere Leben“ eine Distanz zu schaffen, durch die man dann als Zuseher_in mit dem Gefühl entlassen wird: „Ach, das wär' schön, so was hätte ich auch irgendwie gerne, aber leider ist es so weit weg von meiner Realität.“ Darum war es wichtig zu zeigen, dass nicht alles super ist, bloß weil man sich seinen Sehnsüchten und Träumen stellt, sondern dass da einfach ganz normales Leben stattfindet, mit (all)täglichen Entscheidungen und Schwierigkeiten. Man lebt dann nicht einfach in einer Postkartenidylle und alles ist wunderbar.

Alle Aussteiger_innen äußern sich ablehnend über Geld. Inwiefern verknüpft sich diese Einstellung mit ihrem neuen Leben? Und welche Bedeutung spielt diese Haltung als Motiv für das Aussteigen?

Wir sind während der Arbeit am Film komplett von dem Wort „Aussteigen“ weggekommen. Zum einen weil sich unsere Protagonist_innen überhaupt nicht als Aussteiger_innen empfinden, zum anderen weil uns klar geworden ist, dass es so etwas wie Aussteigen aus einem System nur in der Theorie gibt. Natürlich ist man heutzutage immer in ein monetäres System eingebunden, sei es nun bewusst oder unbewusst, gewollt oder erzwungen. Unsere Protagonist_innen sind dem Kapitalismus gegenüber sehr kritisch eingestellt und versuchen auf unterschiedlichste Weise damit umzugehen. Im Endeffekt kommt aber niemand ohne diese Systeme aus, es kann im besten Fall aktiv damit umgegangen werden, so wie beim Wieserhoisl. Deren Bewohner_innen leben in einer solidarischen Ökonomie, alles was sie erwirtschaften wird gemeinschaftlich verwaltet und geteilt. Darum sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es sich in unserem Film nicht um Aussteiger_innen, sondern, wie Ute im Film so schön sagt, um Einsteiger_innen handelt. Um Menschen, die sich in unbekannte Gefilde begeben und Dinge ausprobieren und etwas versuchen, das keine Erfolgsgarantie hat. Noch mehr kann man sich eigentlich gar nicht mit einem System auseinandersetzen als ihm aktiv etwas entgegenzusetzen!

Inwiefern bleiben eure Protagonist_innen noch in ihrem alten Leben verhaftet?

Eigentlich gibt es bei niemandem im Film diesen Bruch, bei dem man von einem alten oder einem neuen Leben sprechen könnte. Das hat uns am Anfang sehr erstaunt, weil wir uns gedacht haben, bei so radikalen Positionen müsste es doch einen radikalen Bruch gegeben haben. Es gibt sicher Dinge, die von außen wie extreme Entscheidungen aussehen. Wenn man sich aber die Lebensgeschichten genauer anschaut, dann sind das viele kleine, ganz logische Schritte. Am ehesten gibt es diesen Bruch bei Wim, der sich entschieden hatte auf keinen Fall mehr auf der Uni zu lehren, wie er es die Jahrzehnte davor getan hatte. Der musste da schon hart sein und trotz Überredungsversuchen sagen: Ich bin jetzt auf diesem Berg, Lebensgrundlage hin oder her, basta!
Mittlerweile kommen die Studierenden zu ihm und finden das natürlich viel aufregender als in der Uni irgendeine Theorie über den öffentlichen Raum zu hören. Wir hatten eher das Gefühl, dass sich die Vergangenheiten integrieren und einen Mehrwert an Erfahrung und Kommunikationsfähigkeit hervorbringen, als dass sie mit der Gegenwart konkurrieren.

„Von Hier Aus – Beyond Elsewhere“ 2015, 89 Min., Katharina Lampert, Johanna Kirsch (Konzept, Regie, Schnitt), Cordula Thym, Christoph Amann (Ton).

www.vonhieraus.net

online seit 10.07.2015 13:24:14 (Printausgabe 71)
autorIn und feedback : Erk Schilder (Interview)




Passagencollagen #2

Aus der Fassung gebracht
[05.10.2018,Tortuga-Kollektiv]


DIY-Punk gegen die Spaltung

Die Debüt-LP von Lime Crush bringt musikalisch und personell einiges zusammen
[03.10.2018,Bianca Kämpf]


Eine Stimme für die Stimmlosen

Sollte es in einer postpolitischen Phase so etwas wie politische Musik geben, dann war Grime seiner Sache um einige Jahre voraus
[03.10.2018,Christoph Benkeser]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten