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  KOMPLIZENSCHAFT VERWEIGERN (1)

„Queer und (Anti-) Kapitalismus“ ist ein Buch, das Perspektiven eröffnet.

Die Autoren* Salih Alexander Wolter und Heinz-Jürgen Voß geben den Anstoß, intersektionale und antikapitalistische Analysen konsequent zusammenzudenken.

In ihrem parodistischen Lied Hard Out There singt die Popsängerin Lily Allen von einem neuen(?), feministischen Selbstbewusstsein: „There’s a glass ceiling to break, uh huh, there’s money to make“, und lässt Women* of Color, selbstverständlich ironisch gemeint, ihre Ärsche in die Kamera wackeln, während sie selbst den Zuhälter mimt.
Die Objektivierung schwarzer Frauen* und ihrer Körper hat eine lange Geschichte, die von Ausschlüssen geprägt ist. Unter anderem davon handelt das Buch „Queer und (Anti-)Kapitalismus“. Es zeigt sehr deutlich anhand verschiedener Beispiele, dass der Erfolg weißer/bürgerlicher/männlicher*/schwuler Bewegungen direkt auf die Verdrängung schwarzer, queerer Proletarier_innen zurückzuführen ist. Die nunmehr erschienene Publikation von Wolter und Voß gibt in drei Kapiteln eine kompakte Einführung in die queere Bewegungsgeschichte, die marxistische Kapitalismuskritik und damit in Verbindung stehende postkoloniale Theorien.

„…THE MOTHERFUCKERS ARE TAKING TO GOING AFTER THE WEAKEST AMONG US.“ 2

Salih Alexander Wolter zeichnet zunächst die Geschichte der Stonewall Riots nach und stellt dabei zur Durchsetzung identitärer Politiken unsichtbar gemachte Protagonist_innen in den Vordergrund:
Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson, zwei Trans*personen, die maßgeblich an den Riots beteiligt waren. Die Besucher_innen des Stonewall Inn, einem beliebten queeren Treff, begannen, sich den immer radikaleren Polizeikontrollen und -schikanen zu widersetzen. Als die Polizei darauf gewalttätig reagierte, kamen Queers und Arbeiter_innen aus der Nachbar_innenschaft zur Unterstützung. Rivera und Johnson gründeten nach den Stonewall Riots verschiedene Gay- und Trans*-Organisationen, die sich nicht nur für die rechtliche Gleichstellung von LGBTIQ*, sondern auch die Abschaffung von Rassismus und Kapitalismus einsetzten. Ihr Engagement stieß aber auf Widerstand: Nach und nach wurde Sylvia Rivera aus der Gay Activists Alliance gedrängt, wegen ihrer impulsiven Sprache gemobbt, ihrer dunklen Hautfarbe wegen diskriminiert, kurz: rassistisch und klassistisch (und trans*phob) angegriffen. Es erschien Gay Rights-Aktivist_innen opportuner, wenn ihre Rechte von konformeren Menschen vertreten wurden.

AUS DISKRIMINIERUNG MACHE IDENTITÄT

Die Diskurse um Sexualität verschieben sich in altbekannter Teile-und-Herrsche-Manier, weg von den radikalsten Gruppen und ihren Forderungen hin zu einem hegemonial geprägten, bürgerlichen Selbstverständnis von Gleichberechtigung im Kapitalismus. Um einzelne Rechte für eine bestimmte Gruppe („Homo-Ehe“, Adoptionsrechte) durchzusetzen, bleiben die Forderungen nach der Abschaffung des Kapitalismus und die Anerkennung aller gleichberechtigter Partner*innenschaften und Lebensrealitäten auf der Strecke. Einige Homo-Interessensgruppen verteidigen ihre Identität besonders mit naturalisierenden und zutiefst biologistischen Argumenten („Born this way“). Mit ein und denselben Argumenten werden Rassismus, (Hetero-)Sexismus und Klassismus durchgesetzt.
Herrschaft kann nur durch die konsensuale Integration widerständiger Elemente in das Herrschaftsgefüge aufrechterhalten werden. Die einzelnen Marginalisierten aber, die sich innerhalb der kapitalistischen Logiken selbst verwirklichen können, haben diese Möglichkeit der Selbstverwirklichung gemeinsam mit denjenigen erkämpft, die am existentiellsten von Ausschlüssen betroffen sind. Salih Wolter schreibt: „Was unter dem von der Schwarzen Befreiungsbewegung geborgten und abgewandelten Slogan Gay Power begonnen hatte, war zur Interessenvertretung eines sich etablierenden weißen schwul-lesbischen ‚Mittelstands‘ geworden.“ 3

„DAS GANZE, UM DAS ES GEHEN SOLL, NENNEN WIR ALSO ‚KAPITALISMUS‘.“ 4

Im zweiten Teil des Buches geht Heinz-Jürgen Voß auf die Geschichte des Kapitalismus ein. Die Autoren* legen besonderes Augenmerk auf die Terminologie, die sie verwenden. So wenden sie sich gegen den Begriff der „Ökonomiekritik“, da es wichtig sei, Kapitalismus als Herrschaftssystem zu betrachten und nicht lediglich einzelne Teile zu kritisieren. Voß problematisiert dabei eine Form der Kapitalismuskritik, die einzelne Aspekte des Kapitalismus, wie etwa die Geldform, herausschält. Ihr Ersatz durch Tauschhandel schaffe, so Voß und Wolter, noch lange keine „Freiräume“.
Heinz-Jürgen Voß stellt in Folge verschiedene Ansätze postkolonialer, marxistischer Kapitalismuskritik, vor allem diejenigen von Gayatri Chakravorty Spivak und Samir Amin vor. Beide analysieren die Widersprüche zwischen Globalem Süden und Norden und die Rolle des Kolonialismus im Kapitalismus. Ein Fokus liegt dabei auf der Frage, wie der Kolonialismus mit der Zurichtung von Menschenkörpern nach rassistischen und sexistischen Vorstellungen zusammenhängt und auch heute noch weiterwirkt.

„DIE BÜRGERLICHE FRAU HÄNGT AN IHREN KETTEN, WEIL SIE AN IHREN KLASSENPRIVILEGIEN HÄNGT.“ 5

„Queer und (Anti-)Kapitalismus“ ist auch ein starkes Statement für die Verknüpfung queerer Theorien mit postkolonialer Kapitalismuskritik und ein Appell, endlich auch Schwarze Geschichte und Schwarzes Wissen in den Fokus zu rücken. Der Kampf um weibliche Repräsentationen in Männer-Domänen bleibt ein Kampf um Teilhabe bürgerlicher Frauen* in einer Welt, die ehemals bürgerlichen Männern allein gehörte. Der Kampf um die Befreiung von Unterdrückung muss aber multidimensional gedacht und gemacht werden, wenn er wirkungsvoll sein soll.
Konfrontiert mit einem (nicht dem ersten) Rassismus-Vorwurf, entgegnet Lily Allen auf Twitter: „The message is clear. Whilst I don’t want to offend anyone. I do strive to provoke thought and conversation. The video is meant to be a lighthearted satirical video that deals with objectification of women within modern pop culture. It has nothing to do with race, at all.“
Ausschlüsse sind schmerzhaft. Am schmerzhaftesten sind aber jene Ausschlüsse, durch die sich die existentiellsten Widersprüche bemerkbar machen, indem sie dort auftreten, wo sie andere minorisierte, sich als solidarisch bezeichnende Menschen für überwunden hielten.



Salih Alexander Wolter/ Heinz-Jürgen Voß: „Queer und (Anti-)Kapitalismus“, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013

(1)(3)(4) „Queer und (Anti-)Kapitalismus“: Wolter, Salih A./Voß, Heinz-Jürgen; S. 7, S. 32, S. 10
(2)Aus einem Gespräch benachbarter Arbeiter*innen
http://www.huffingtonpost.com/irene-monroe/
dismembering- stonewall_b_1625272.html
(5)„Das andere Geschlecht“: Beauvoir, Simone, 1949

online seit 31.01.2014 17:21:38 (Printausgabe 65)
autorIn und feedback : Kübra Atasoy




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