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Ohne Selbstausbeutung läuft gar nichts

Ein Cultural Entrepreneurs-Interview zur Edition kritik & utopie

Zwischen der „Kritik überwindenswerter Zustände“ und dem „Ausblick auf konkrete Utopien“ – so umreißt die Edition kritik & utopie des Wiener mandelbaum verlags das von ihr seit Herbst 2011 verlegerisch bestellte Feld. Vor Kurzem eröffnete unter dem Label „INTRO“ auch die einführende Reihe der Edition anhand von zwei Bänden ihr Programm. MALMOE nimmt das zum Anlass für ein Cultural Entrepreneurs-Interview mit Martin Birkner von kritik & utopie.

MALMOE: Wodurch unterscheidet sich INTRO von vergleichbaren Reihen und welche Zielsetzungen verbindet ihr damit?

Martin Birkner: INTROs führen in aktuelle linke Debatten ein, es werden sowohl die Geschichte als auch die unterschiedlichen Zugänge zum jeweiligen Thema dargestellt. Darüber hinaus wünschen wir uns von unseren Autor_innen auch die Sichtbarmachung der eigenen Position. Der Unterschied zum Beispiel zur erfolgreichen theorie.org-Reihe bei Schmetterling ist die, dass es bei den INTROs vorrangig nicht um die Vorstellung großer Denksysteme geht, sondern eben um die Einführung in aktuelle gesellschaftskritische Debatten, wie zuletzt eben das Bedingungslose Grundeinkommen oder „Solidarische Ökonomie & Commons“.

kritik & utopie startete 2011 als politische Edition im mandelbaum verlag. Warum habt ihr euch für diesen Weg – und nicht beispielsweise für die Gründung eines neuen Verlags – entschieden?

Zunächst wurde die Idee der Edition ja gemeinsam mit Michael Baiculescu vom mandelbaum verlag entwickelt. Da war es von Anfang an ein – auch ökonomisch – zentraler Aspekt, dass der Verlag eine ausgezeichnete Infrastruktur besitzt, auf die wir mit kritik & utopie zurückgreifen können. Andererseits können wir im Rahmen des mandelbaum verlags auch auf dessen Bekanntheit über die Landesgrenzen hinaus bauen, ebenso auf den professionellen Vertrieb.

Die „Idee eines neuen linken verlegerischen Projektes“, wie sie am Anfang von kritik & utopie stand, klingt – gerade in Österreich – gewagt. Wie gelingt es euch bislang, dieses Wagnis zu meistern?

Wie schon erwähnt ist das Projekt überhaupt erst möglich durch die Nutzung der Verlagsstrukturen. Andererseits trugen kleine Darlehen von privaten Geldgeber_innen maßgeblich zur Startfinanzierung (des ersten Halbjahresprogramms) bei. Der Totalausfall der Druckkostenförderung durch das Wissenschaftsministerium zwingt uns jedenfalls zu noch knapperen Kalkulationen, was sich letztlich leider auch auf die Konditionen für Autor_innen und Lektorat niederschlägt. Im Optimalfall finanziert der ein oder andere gut gehende Titel dann jene, in denen zwar viel Herzblut, aber wenig „ökonomisches Potenzial“ steckt. Ohne Selbstausbeutung läuft natürlich gar nichts, aber das dürfte hier ohnehin niemanden verwundern. Um diese unhaltbaren Zustände zumindest etwas abzumildern: Kauft mehr kritik & utopie Bücher!

Als „wesentlichen Bestandteil der Edition“ beschreibt ihr auf eurer Website den Beirat von kritik & utopie. Welche Funktionen sind dieser Einrichtung konzeptionell zugedacht und wie funktioniert sie im verlegerischen Alltag?

Die Grundidee hinter dem Beirat war, eine Struktur zu schaffen, um von Anfang an die Entscheidungen oder zumindest Diskussionen über die Ausgestaltung des Programms zu demokratisieren. Deshalb haben wir auf große Bandbreite bei den Beirät_innen geachtet und ihn von vornherein auch international angelegt. Mittel- bis langfristig soll sowohl der Beirat als auch der Träger_innenverein der Edition eine möglichst weitgehende Autonomie der Edition gewährleisten – bis hin zu einer möglichen Demokratisierung der Eigentümer_innenstruktur. Dies setzt jedoch eine stabile finanzielle Situation ebenso voraus wie eine intensive und breit geführte Diskussion innerhalb des Beirats. Hier gibt es aber in beiderlei Hinsicht noch Verbesserungspotenzial. Derzeit gibt es zwei Mal im Jahr Diskussionstreffen des Beirates und die Möglichkeit, sich in einem online-Diskussionsforum über anstehende Projekte und auch über die Ausrichtung des Programms im Allgemeinen auszutauschen.

Neben Originalausgaben erscheinen bei kritik & utopie auch Übersetzungen fremdsprachiger Texte. Warum die Entscheidung für diese Schiene im Verlagsprogramm?

Weil es noch immer viel zu viele nicht übersetzte gute linke Bücher gibt. Außerdem ist meines Erachtens der Internationalismus nach wie vor Kernbestandteil linker Politik, und dem ist auch in verlegerischer Hinsicht Rechnung zu tragen. Die Schwierigkeit dabei ist, dass Übersetzungen quasi überhaupt nicht gefördert sind und ein auch nur einigermaßen fairer Lohn für Übersetzer_innen reine Illusion ist. So fallen die übersetzten Titel bei kritik & utopie auch allesamt eher in die Kategorie „politischer Aktivismus“. Persönlich war es mir darüber hinaus ein besonderes Anliegen, Texte aus dem Spektrum des „autonomen Marxismus“ auf Deutsch zugängig zu machen. Im Herbst erscheint dahingehend zum Beispiel Silvia Federicis bahnbrechende Studie „Caliban und die Hexe“ zur Rolle der Unterwerfung weiblicher wie kolonialisierter Körper bei der Herausbildung des modernen Kapitalismus.


Mehr Infos unter: www.kritikundutopie.net

online seit 18.09.2012 22:39:11 (Printausgabe 60)
autorIn und feedback : Interview: MG


Links zum Artikel:
kritikundutopie.net/kritik & utopie im Netz



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