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  „We are born naked, the rest is drag“?

Die Geschlechtlichkeit von Körpern scheint uns selbstevident. So wird mein Körper zum „falschen Körper“. Über genderqueere Körperscham.

Es ist ein Novembermorgen. Das Gefühl von Schuld klebt schwer an mir, drückt mich in mein Bett, lässt mich nicht aufstehen. Ich drehe mich um, will nochmal Schlaf finden, auf dass dann alles vorbei wäre, wenn ich später aufwache. Aber da ist kein heilsamer, kein ruhiger Schlaf zu finden, da ist keine Ruhe, keine Entspannung, die sich einstellen möchte, so oft ich mich auch in meinem Bett drehe und winde. Die Schwere klebt an mir, da ich daliege und trotzdem scheint es so viel heilsamer, im Bett zu bleiben. Denn draußen, weniger auf der anonymen Straße denn in mir heimischen, persönlichen Orten und Gruppen – mehr noch den feministischen als den akademischen – läuft die Angst mit, immer im Verdacht zu stehen, ein Lügner zu sein. Ein Lügner, ein Schauspieler, der sich in feministische, in Frauen*-, in FLINT-Räume einschleicht, um dort … – ja was eigentlich? Meine Gedanken bleiben stecken, keine Antwort auf diese Frage zu finden, gewährt, innezuhalten. Ich richte mich auf. „Im Liegen“, sage ich mir, „erscheint mir alles immer so ausweglos“. Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen: „Warum dieses Gefühl von Schuld? Wieso Schuld? Woher diese Schuld?“

Es ist nicht so, als gäbe es keine Literatur zur Erfahrung von transgender* Leuten, zu Trans*frauen und sich nonbinär oder genderqueer Begreifenden. Also hangle ich mich entlang an dem, was ich davon gelesen habe, versuche meine Erfahrung zu deuten, zu verorten vor dem Hintergrund dessen, was andere in meiner Situation erfahren, gedacht, analysiert haben: Unumgänglich für uns transgender* Leute scheint die Frage der Authentizität (Ich erlaube mir, mich in ein Kollektiv einzuschreiben, dessen Existenz als solches mir angesichts unserer so unterschiedlichen Erfahrungen und Selbstdeutungen selbst fiktional erscheint). Denn die vermeintlichen Evidenzen dieser Gesellschaft, welche Körper als unmittelbar weiblich oder männlich erscheinen lassen, sind uns als transgender* Leuten verwehrt. Mehr noch, stellt sich gegen uns, wie selbstverständlich Körperlichkeit als auf Geschlechtsidentität verweisend gedacht wird. So deuten mit Nachdruck die vermeintlich unmissverständlichen Zeichen auf eine Identität, in der wir uns selbst nicht wiederfinden. Unser Begehren, die eigene geschlechtliche Identität jenseits der uns zugewiesenen als Mann oder Frau zu begreifen und zu leben, müssen wir so anderweitig und explizit begründen. Authentisch, also wahrhaftiger Ausdruck unseres Inneren, unserer Psyche soll unser Begehren, unser Empfinden daher sein.

Wenn es nicht genügt zu fühlen: Weiblichkeit performen

Doch es genügt nicht, im Inneren, im Stillen zu begehren, zu fühlen. So drückt auf mir auch die Last, Weiblichkeit zu performen, um sichtbar zu machen, für alle und intuitiv, welche Geschlechtlichkeit ich für mich reklamiere. „Ich hatte das Gefühl, du möchtest damit provozieren“, ließen Freund*innen mich über ihre Wahrnehmung der Zeit wissen, in der ich anfing, Röcke zu tragen, ohne dabei bereits verbal eine nicht-männliche Identität zu beanspruchen. Noch heute gehe ich oft schnell nach Hause, bevor ich in FLINT-Räume gehe, ziehe mir einen Rock an oder grelle Leggins, obgleich mir die Räume auf ihren Webseiten, Flyern und Aushängen sichtbar und lautstark erklären, sie akzeptierten jegliche Selbstdefinition. Bin ich ihnen zutiefst dankbar dafür, so haftet die Sorge unauslöschlich an mir, ich könnte – im Stillen, im Geheimen – angesichts meines Körpers, meines Verhaltens als Ergebnis meiner männlichen Sozialisation, doch verdächtigt werden, ein verkleideter Cistyp zu sein.

Obwohl ich weiß, wie alt mittlerweile, wie marginalisiert inzwischen der Versuch der Artikulation dieses Verdachts oder Vorwurfs ist, ist es zugleich unmöglich, die in ihm anklingende Frage von Machtverhältnissen leichtfertig vom Tisch zu wischen. Ja, ich wurde als ein Junge aufgezogen, auch wenn ich damit haderte. Es erscheint mir zentral, dies für meine politische Praxis und mein Denken zu benennen: Wir müssen über verinnerlichte Herrschaftsverhältnisse sprechen, auch wenn ich weiß, wie schwer das, was als ‚männliche Sozialisation‘ bezeichnet wird, im Detail zu fassen ist, wie komplex und widersprüchlich diese Herrschaftsverhältnisse sich im einzelnen Individuum, in der einzelnen Situation niederschlagen. Umso hartnäckiger klebt an mir die Frage: „Was heißt das alles für mich?“, angesichts all der in geschlechterbinären Lesweisen widersprüchlichen Fragmente und auseinandertreibenden Deutungen meiner Biographie.

Weiche und harte Normen: pinke Leggins, raue Haare

Und dann, auf dem Weg ins F*C, überholt mich ein Rennrad. Auf ihm eine Person, groß, mit breiten Schultern, Messenger Bag, Shorts und pink-gelben Leggins. Als männlichen Fahrradkurier lese ich sie sofort ein und muss zugleich anerkennen: allzu leicht lässt sich die Disidentifikation mit Männlichkeit nicht leisten. So oberflächlich, so klischeebeladen sind meine hoffnungsvollen Vorstellungen, als nicht-männlich durchzugehen. Welch tragische Komik: Wir erleben das Flüssigerwerden der Geschlechternormen, das mir meine eigene Existenz erst überhaupt intelligibel und weitgehend frei von psychischer und physischer Gewalt möglich macht. Zeitgleich lockert diese Verflüssigung den Grund, in den ich die Pflöcke einschlage, um Grenzen zu ziehen, zwischen der Identität, von der ich Abstand gewinnen möchte, und jener, zu der ich mich zähle und gezählt sehen möchte.

Doch noch immer gibt es sie: die Orte, die Zeichen, die uns die binären Normen aufzwingen, die so eindeutig und klar binär geschlechtlich kodiert sind. Nach wie vor scheint es kaum denkbar, ihnen zu entrinnen: Symbolen, die uns in den hegemonialen Vorstellungen von Geschlechtlichkeit intuitiv und eindeutig erscheinen, die uns verführen, schnell und eindeutig ein Urteil zu fällen, eine Grenze zu ziehen. Auch an diesem Novembermorgen im Bett, an dem die Schuld sich allmählich zusammenzieht, ohne sich von mir loszulösen. Ich fahre mein Gesicht entlang. Vom Kopfhaaransatz vor meinem linken Ohr folgen meine Fingerkuppen dem Rand meines Gesichts bis zum Kinn. Überall piksen die Stoppel meiner Gesichtsbehaarung, reizen meine Nerven. Ich folge ihnen vom Kinn hinab bis zum Kehlkopf: überall ein leichtes, doch unleugbar wahrnehmbares Stechen, ein raues Gefühl. Mir wird unwohl. Meine Fingerspitzen erreichen meine Brust: auch hier Haare. Nicht weich, nicht hell, kein sanfter Flaum. Sie sind schwarz, sie sind rau. „Männlich“, muss ich denken, das Wort schmeckt bitter, ein Gefühl von Scham überkommt mich. Ein Gedanke beißt sich fest: „Du lügst, und dein Gesicht enttarnt dich, verrät dich, alle können es sehen, ganz offenbar, unwiderlegbar, physisch: die Wahrheit über dich, egal, wie viel du beharrst, insistierst. Dein Körper spricht für dich, spricht für dich die Wahrheit aus, die du – offensichtlich zum Scheitern verurteilt – immer zu verbergen, zu verstecken versuchst.“ „We are born naked, the rest is drag“ – von RuPaul geprägt und in queerfeministischen Kreisen in dekonstruktivistischer Absicht tausendfach zitiert, schnappt zynisch zu und kreist unnachgiebig in meinem Kopf. „Es reicht“, sage ich mir, klettere hastig die Stufen meines Hochbetts herunter, öffne das Fenster. „Paranoide Scheiße“, versuche ich mir meine Gefühle wegzuwischen. Und doch: Die Scham für die unübersehbaren, unüberfühlbaren Haare will sich nicht verflüchtigen. „Körperscham, there you are“, kommentiere ich mich selbst lakonisch – halb zwischen in ironischer Distanz verblüfft und zugleich schockiert über mein Empfinden, halb in ihm gefangen. Von Haraways gewitzter Ironie in „Promises of Monsters“, ihrem Jubel über das befreiende Potential von Hybridität und Uneindeutigkeit bleibt in diesem Moment nur das Wort „Monster“ als Etikett, das an mir klebt.

Im Kleisterbad binärer Geschlechter: Mein „falscher Körper“

Es ist der erste Tag, an dem ich mich für meinen Körper schäme, dafür, dass er in dieser binären Geschlechterordnung für den Blick, für die Haptik, eindeutig als männlicher erscheint. Es ist das erste Mal, dass ich darüber nachdenke, mir meine Körperhaare dauerhaft entfernen zu lassen, das erste Mal, eine Hormontherapie zu machen. Bis hierhin fühlte ich mich wohl in meinem Körper. Plastisch, in bedrückender Weise physisch, wird von nun an die Erzählung davon, im falschen Körper gefangen zu sein. Nicht, weil ich ihn nicht möchte, weil ich ihn so, wie er ist, nicht mag, ihn für mich nicht annehmen kann. Sondern weil er mich in der bestehenden Ordnung des Sehens und Wissens immer als männlich ausweist. Weil er mich immer aus diesen Kollektiven mit dem Namen „FLINT‘“ oder, vehementer noch, „Frauen*“ ausschließt – ohne Rücksicht, ob letzteres mit oder ohne * versehen wird.

Falsch ist mein Körper dabei deswegen, weil er sich in den gegenwärtigen Ordnungen des Sehens in den Maschen des Zweifels verfängt. Falsch ist er, weil er, wenn nicht eingekleidet in weiblichen Symboliken, nicht mit ihnen ausstaffiert, mich, meine Identität, nicht durchgehen lässt. Falsch ist er, weil an ihm der Zweifel an mir, an meiner Empfindung klebt. Falsch ist er damit allein, weil er mich in den hegemonialen Deutungsstrukturen nicht passen lässt.

Ganz gleich, wie ich weiß, wie wir wissen, dass es die gesellschaftlichen Weisen des Sehens sind, die es machen, dass er klebt. Ganz egal, wie viel wir reflektiert haben, wie offen wir uns geben und es auch sind: Der unaufhörliche kleisterne Diskursstrom der Signifikantenkette ‚männlich – Gesichtsbehaarung – keine Brüste – tiefe Stimme‘ badet meinen Körper in Leim, sorgt stetig dafür, dass der Zweifel an meinem Körper klebt. So wird mein Körper gegen mich gestellt, wird zum falschen Körper. Als Körper, der in Vorstellungsrunden mit dem Vermerk „Pronomen: keine oder weiblich“ zu versehen ist, damit man mich nicht missversteht. Als Körper, den ich zu managen habe. Es ist mein Körper, der angesichts der Allgegenwart des Kleisters immer schwerer wird, mich lähmt, mich blockiert. Es ist mein Körper, den ich liebe und den ich nicht verändern möchte. Doch in unseren verinnerlichten Weisen des Wahrnehmens wird er zu meinem Anderen und zu meinem Problem.


online seit 23.06.2018 10:34:51 (Printausgabe 82)
autorIn und feedback : Zoe* Steinsberger




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