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  It’s my party

Ein paar Geschichten zur diesjährigen Parade in Wien – und warum ich mich lieber in einer Siedlung in Wien-Fünfhaus betrunken habe.

Juni ist die Zeit der Pride Paraden. Und es ist dialektisch: Da, wo sie umkämpft und verboten sind, sind sie politisch progressiv und so wichtig – und wenn sie erlaubt und politisch unterstützt werden, verkommen sie oft zum kommerziellen Event.

Mit dem Juni ziehen auch die Pride Paraden durch diverse – und immer noch viel zu wenige – Städte, die sich für die Sichtbarkeit und Rechte von LGBTIQs einsetzen und auf deren Diskriminierung aufmerksam machen. Und allein die Tatsache, wie oft sie verboten werden und unter welchen lebensgefährlichen Bedingungen sie vielerorts organisiert und besucht werden, zeigt an, wie notwendig sie sind. Die jährlich um den Christopher Street Day stattfindenden Paraden sind aber weit mehr als ein „Marker“ für gesellschaftliche und politische Akzeptanz, als der sie von manch konservativen, im Grunde ihrer Herzen homophoben, Politiker_innen gerne ins Spiel gebracht werden. Nämlich immer dann, wenn es darum geht, das eigene Land gegen andere – barbarische – abzugrenzen und die eigene Toleranz zu zelebrieren. Zum Beispiel in Form von unsäglichen Wertetests, wie aktuell in Österreich, wo meine Homosexualität auf einmal als Messlatte der Integration herhalten muss – und der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF), eine Art institutionelle, ideologische Grenzschutz-Einrichtung der ÖVP, die so liberal und weltoffen ist wie ich blau wähle, auf einmal andren erzählt, wie sie mit den Homos und den Frauen umzugehen haben. Im gleichen Satz wie die Tatsache erwähnt wird, dass hier alle Fußball Schauen, Trachten tragen, die Berge lieben und Bier gesoffen wird bis zum Umfallen.

Dass übrigens die Staaten, die von jenen konservativen Männern und Frauen regiert werden, die sich dann solche Wertetests überlegen, zumeist tatsächlich toleranter und liberaler sind, stimmt – allerdings sind diese Erfolge nicht auf dem Mist jener gewachsenen, die sich nun dafür rühmen. Ganz im Gegenteil sind es die Parteien der Kurzens, Mays und Merkels, die bis heute alles dagegen tun, dass Lesben und Schwule – von Trans*, Inter und diversen andren Kategorien, die genannte Herr- und Frauschaften nicht einmal aussprechen können – die gleichen Rechte bekommen wie alle anderen und die historisch auch immer an vorderster Front gegen jede Form der Gleichberechtigung waren.

Queere Paraden sind aber auch deshalb mehr als ein Indikator in der Liberalitätsskala, weil sie Produkt kollektiver politischer Organisierung und damit oft Anfang und Kulminationspunkt sozialer Bewegungen und der Selbstorganisation von LGBTIQs sind. Und damit eine Befreiung sind, die etwas anderes meint als die neoliberale Zelebration – und Ausbeutung – von Vielfalt und Differenz, wo nun auch Homosexuelle und Frauen sich einreihen können in den Singsang davon, dass alle einfach alles schaffen – aber auch alles verlieren – können und wir unsres eigenen Glückes Schmiedin sind. Zwar ist mir verständlicherweise selbst dieser Kapitalismus tausendmal lieber zum darin leben als manch ein anderes System, aber mögen tu ich ihn deshalb nicht – Befreiung wovon und für wen ist hier die Frage.

Aber was tu ich nun eigentlich bei der Vienna Pride und seinem Pride Village? Flankiert von NEOS und Grünen betrete ich den Rathausplatz, Bumm-bumm-Musi und Hüttengaudi, die fünf Euro fürs Bier erspare ich mir gleich. Und mal wieder der Eindruck, den ich auch auf manch einer Regenbogenparade zuvor schon hatte: jene Frauen, die sich stylingmäßig am meisten ins Zeug legen und am nacktesten ihre Queerness feiern und einen bestimmten Typus schwuler (Sub-)Kultur zelebrieren, sind Hetero wie die Nacht finster. Das ist ja nett und damit hab ich kein grundlegendes Problem, aber es heißt halt weiterhin, dass auf Parade und Village in Wien lesbische Kultur und Geschichte, lesbischer Alltag, Randerscheinungen wie eh und je sind. Auch wenn es heuer das Frauen-Dorf gibt. Speed-Dating sollen die Leute ja eh machen. Aber warum genau dort?

Am gleichen Wochenende wie die Parade bin ich bei einer Veranstaltung mit lauter Feministinnen. Eine kommt auf einmal mit einem rosa NEOS-Sackerl daher. Ich frage sie, warum sie das hat. Sie, aus Deutschland antwortet: „Mir gefällt das Einhorn.“ Sie hat das Sackerl auf der Regenbogenparade in die Hand gedrückt bekommen und beim besten Willen keine Sekunde daran gedacht, dass das von einer politischen Partei sein könnte. Wieso? „Weil die waren überall – und das kann doch nicht sein, dass da eine Partei so präsent ist. Was machen denn bitte Parteien auf der Pride Parade?“ Dass Parteien auf Gay Paraden omnipräsent sind, dürfte nicht überall so selbstverständlich sein wie in Wien.

Szenenwechsel in eine Gemeindebausiedlung in Wien-Fünfhaus: Samstag Nachmittag mit der Freundin auf der Suche nach was Essbarem, haben wir uns schnell ein Bier für 2,50 EUR geholt. Wir hätten nicht gedacht, lange zu bleiben. Aber das Fest hat sich quasi in unseren Weg geschoben. Wir sitzen, trinken, reden, wenig subtil was den Austausch von Körperlichkeiten betrifft, wie immer. Da kommt ein Ruderleiberl-Typ vorbei, etwas bedient schon, lebendes Klischee eines Vororts-Bewohners und zeigt torkelnd auf uns. „Ihr! Gehört’s zusammen. Seid ihr Lesben?“ Uje, jetzt sind wir dran, denken wir und nicken. „Super!“ brüllt er: „Ich bin ur schwul!“ Und setzt uns seinen Lover, mit dem er seit 21 Jahren liiert ist, an den Tisch. Also endete das Fest für uns erst, als wir nachhause geschickt wurden und das Bier ausgetrunken war. Alle haben mit allen getanzt, schwule und lesbische Alltagsgeschichten, schöne, zumeist aber leider eher hässliche, wurden ebenso ausgetauscht wie Zigaretten. Und ich hab mich das erste Mal seit langem bei dem Gedanken erwischt, dass es eigentlich doch auch einfach „gut“ sein könnte. Klingt kitschig, ist aber schön.
Noch eine schöne Geschichte: Bei einer Demo, es ging um die Verhaftungswelle und systematische Misshandlung von Homosexuellen in Tschetschenien, wird eine Freundin Zeugin des folgenden Dialogs. „Schau mal die Fahnen!“ „Arg, was macht denn die scheiß Antifa da?“ „Weiß nicht, schlimm, die machen echt immer nur Probleme. Keine Ahnung was die auf der Demo wollen.“ Die Freundin dreht sich um und sieht zwei Männer mit Taschen. „Gay Cops Austria“ steht da drauf. Alles klar.
Jetzt bin ich die letzte die meint, ich müsste mich mit den Menschen, mit denen ich auf eine Demo gehe auch nur irgendwie identifizieren – das ist eine grauenhafte Vorstellung, und diese ganze Suche nach Identität und Identifikation sollte man getrost den Rechten überlassen – aber eine politische Agenda braucht’s. Und hier ist mein gemeinsamer Nenner mit den Gay Cops sicher kleiner als jener mit den Genoss_innen am Mareschplatz in Fünfhaus. Dennoch führt nichts daran vorbei, weiterhin auf genau diese Demos zu gehen, selbst wenn der Grundkonsens nicht zwangsläufig ein linker, feministischer ist, wie es bei vielen LGBTIQ- Veranstaltungen und –Organisationen leider der Fall ist. Und es bleibt mein persönliches Problem mit Parade & Co die Erkenntnis: there are no single issue struggles. Und ohne Gesellschaftskritik wird’s irgendwann schwer, gegen Homophobie anzugehen.


online seit 25.11.2017 11:55:29 (Printausgabe 79)
autorIn und feedback : Nikola Staritz




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