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  Becoming Digital 0x01

Digital Humanities

Unter dem Sammelbegriff Digital Humanities finden computergestützte Verfahren mehr und mehr Anwendung in den Fächern der Geistes- und Kulturwissenschaften. Dies ist kein neues Phänomen, da die mathematischen Vorzüge von Computern für Teilbereiche mancher Disziplinen immer schon verheißungsvoll waren. Wo zählen, messen und vergleichen im Mittelpunkt stehen, helfen Rechenmaschinen ungemein. Inzwischen ist die Digitalisierung aber mehr als nur eine unterstützende Methode. Sie verändert bisherige Praxen in der Wissenschaft. Zugleich ändern sich Zugänge zu wissenschaftlichen Fragestellungen. Somit weist das Digitalisieren über eine bloße Auseinandersetzung mit Forschungsmaterial hinaus. Wissenschaftshistorisch gesprochen darf wohl ein Paradigmenwechsel festgestellt werden. Durchaus folgerichtig, denn warum sollte die immer mehr Lebensbereiche durchdringende Digitalisierung vor den Geistes- und Kulturwissenschaften halt machen? Trotzdem finden sich in diesem Feld des Wissenschaftsbetriebs vergleichsweise starke Abwehrhaltungen gegenüber dem Digitalen. Diese Stimmen verlieren aber an Gewicht angesichts sich rasant umstellender Förderstrukturen, die Projekte mit digitalen Anteilen bevorzugen.

Interessant sind nun weniger die Ablehnungsgründe, die oft aus einem etablierten, konservativen Milieu der Universitäten formuliert werden, als vielmehr die Tatsache, dass das ansonsten doch recht träge Wissenschaftssystem im Begriff ist, sich lieber heute als morgen dem Primat des Digitalen auszuliefern. Klar, der Praxis und den Vorzügen des Digitalen lässt sich schwer etwas entgegenhalten. Wenn zudem digitale Methoden als Ergänzung begriffen werden, mag es ein risikofreies Unterfangen sein, diese in den Unterrichts- und Forschungsbetrieb einzugliedern. Besonders wenn damit Erleichterungen in der täglichen Arbeit eintreten und zudem ein Fortschrittsutopismus bedient werden kann. Doch damit einher geht ein tiefgreifender struktureller Wandel, denn die digitalen Techniken und die sie umgebenden Denkmodelle sind nicht selten Teil neoliberaler Strategien.

Darauf weist ein im Mai dieses Jahres erschienener und rege diskutierter Artikel hin (1). Die drei Autor_innen erkennen im Aufstieg der Digital Humanities eine Restrukturierung der Geistes- und Kulturwissenschaften, um neoliberale, kommerzielle Interessen zu bedienen. Die Entwicklung von Tools und der Aufbau von Infrastrukturen verdränge vorrangig jene Wissenschaft, die interpretativ arbeitet und kritisch-politische Fragestellungen hervorbringt, ohne direkt wirtschaftlich verwertbare Resultate zu liefern. Stattdessen werden projektbasierte Arbeitsgruppen eingerichtet (meist mit kurzfristigen Arbeitsverträgen) und eine rasche Lösung von Fragestellungen durch Technik angestrebt. Auch wenn die Autor_innen des Artikels vorrangig die nordamerikanischen Universitäten im Visier haben, lassen sich diese Entwicklungen ohne weiteres auch an anderen, z. B. österreichischen Universitäten feststellen.

Zwar sind die Digital Humanities nicht die Ursache, sondern ein Symptom dieses neoliberalen Umbaus, zugleich bedienen sie in ihrer derzeitigen Entwicklung Kosten-Nutzen-Rechnungen als maßgeblichen Faktor für die Geistes- und Kulturwissenschaften (selbst wenn viele Projekte von Wirtschaftlichkeit weit entfernt sind). Insofern lassen sich an den Digital Humanities wesentliche Koordinaten der neoliberalen Universität ablesen. Die folgenden Ausgaben dieser Kolumne versuchen eine Karte dieser Umbrüche zu zeichnen.

(1) lareviewofbooks.org


online seit 08.03.2017 12:22:34 (Printausgabe 76)
autorIn und feedback : Klaus Illmayer




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