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  Nazi-Versteher und Frauenschützer

Eine neue Spezies geht um in Österreich und erklärt Anti-Sexismus und Anti-Rassismus zum neuen Hauptwiderspruch. Ein Kommentar.

„da werden männer erzogen, die schwule ticken und frauen vergewaltigen, da wird systematische glücksvernichtung betrieben.“

Spricht er von irgendwelchen fernen Ländern? Anderen „Kulturen“? Von Köln? Dem Islam? Dem Praterstern, oder gar der U6? Nein, was Ronald M. Schernikau hier beschreibt, ist der ganz normale Alltag in den Männer-Umkleideräumen jedes x-beliebigen Sportvereins in der BRD anno 1980. Und, etwas plakativ, wohl auch 2016.

Kann es wirklich sein, dass es in jener Ära, die manche als Post-Köln bezeichnen, ohne Shitstorm nicht möglich ist, in einer Öffentlichkeit, die über die engsten Freund_innen und die politische Kerngruppe hinausgeht, über Sexismus zu reden, ohne dass irgendwer diesen rassistisch auf andere umlegt und gegen Geflüchtete generell Stellung bezieht? Oder über Rassismus zu reden, ohne als Feministin dem erbosten besorgten Bürger, der sich hier jedes Mal lautstark zu Wort meldet, erklären zu müssen, dass man natürlich gegen Sexismus sei und – ganz im Gegenteil zu dem Erbosten – da auch seit Jahrzehnten dagegen ankämpft?!?! Es scheint so. Schenkt man pseudo-liberalen Medien und Intellektuellen – ganz zu schweigen von dem sich in der Arbeit, an Stammtischen, im öffentlichen Verkehr, in Online-Kommentaren, auf Facebook und an den Wahlurnen äußerndem „allgemeinen Empfinden“ – Glauben, so bilden Anti-Rassismus und Anti-Sexismus den neuen Hauptwiderspruch.

Gewalt gegen Frauen hat System – eigentlich überall und immer, seit ich und wir alle denken können. Das kann historisch und lokal sehr Verschiedenes bedeuten – falsch wäre es, in radikal kulturrelativistischer Manier hier alles gleich zu machen „nur“ weil überall das Patriarchat am Ruder ist. Die Probleme, vor denen Frauen weltweit und je nach gesellschaftlicher Position stehen, sind verschieden – und Frauen werden dagegen aktiv mit verschiedenen Konsequenzen: die einen riskieren g‘schissene Kommentare, die anderen ihren Job, wieder andere ihren Körper und ihr Leben. Diese Unterschiede gibt es und über die zu reden gab es soweit ich weiß auch nie ein feministisches Sprechverbot der „Political Correctness“, gegen das aktuell so viele vorgeben, sich wehren zu müssen. Ganz im Gegenteil haben Feminist_innen diese Diskussion überhaupt erst angestoßen.

Falsch ist’s auch, nichts gegen Unterdrückung zu unternehmen, nur weil es „woanders“ schlimmer ist. Das konservativ-demokratische Patriarchat österreichischer Prägung gesteht Frauen längst noch nicht den gleichen Platz wie Männern zu, verkauft das Hausfrauen-Dasein neuerdings gar als Wunsch der Frau selbst, bleibt diese Existenz doch bis heute die einzige, für die Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit Anerkennung bekommen. Auch Vergewaltigung in der Ehe kennt es erst seit den 1970ern. Dass ich im Allgemeinen in Wien als Frau, egal was ich mache, um Leib und Leben nicht fürchten muss, ist aber nicht nur Ergebnis einer anderen „Technik des Regierens“, sondern auch einfach besser und fortschrittlicher als an manch anderem Ort dieser Welt. Dass das so ist, ist Produkt harter, langer und so wichtiger feministischer Kämpfe – Kämpfe eben jener Protagonistinnen (Feministinnen nämlich!), die von den heutigen selbsternannten „Frauenschützern“ verachtet werden und als deren Opfer sie sich gerne inszenieren, um dann, wenn’s grad passt, deren frauenpolitische Errungenschaften gegen Migranten in Stellung bringen. Gelebt haben diese weißen Kämpfer für den Körper der weißen Frau diese Fortschritte sowieso nie wirklich: Übergriffe, sowie die Ansicht, der Sinn von Frauen bestünde darin, dem Manne zu gefallen – mit ihnen befreundet sein und als Chefin haben will man Frauen nicht wirklich, müsste man sie dann doch als gleichwertiges Subjekt anerkennen –, kommen ja auch heute noch hie und da unter Menschen mit Österreichhintergrund vor.

„nichts ist selbstzerstörerischer als die männerherrschaft, die verhältnisse belacht, die sie selbst produziert hat.“ – wenn sich nun also der durchschnittliche Ösi über die patriarchalen, „unzivilisierten“ Moslems echauffiert. Und: Nichts ist am Problem vorbeiführender als eben jene, die auf einmal die Frauenrechte und das Vorhandensein von Gewalt gegen Frauen „entdecken“ und nun meinen, das Problem sei importiert und schöbe ich alle ab, die Frauen erniedrigen, belästigen, vergewaltigen sowie Frauen und anderen, die nicht weiß-hetero-männlich sind, strukturelle Gewalt antun, so blieben nur autochthone Österreicher_innen über. Wenn die das nicht so bierernst meinten, könnte man darüber eigentlich nur lachen.

Vielleicht rührt die Ablehnung von allem, was irgendwie fremd erscheint, in Österreich auch daher, dass man Veränderungen generell skeptisch gegenüber steht: Denn während Menschen im Allgemeinen dazu fähig sind – und nicht selten auch Lust darauf haben –, ist Lernfähigkeit nicht gerade das Steckenpferd der Indigenen hierzulande: Wie sonst ist zu erklären, dass 70 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus beinahe 50 Prozent wieder Nazi wählen und neun Jahre nach schwarz/blau – mit der Beseitigung ihres Wahnsinns sind wir bis heute beschäftigt – die FPÖ wieder als „Lösung für Alles“ gepriesen wird?

Gilt hier auch Schernikaus „sie sind nicht böse, sie sind nur dumm“? Fatal jedenfalls ist es, dass diverse Politiker_innen nun meinen, die rassistischen und antifeministischen Frauenversteher und jene, die rechtsextrem wählen, verstehen zu müssen. Eine Sache ist es, ein Phänomen zu analysieren und seine Schlüsse daraus zu ziehen. Eine andere ist, deren Denke durch Verständnis zu adeln. Denn nicht nachvollziehbar sind die Gründe und Erklärungen der Hofer-wählenden Hälfte der Österreicher_innen schlichtweg deshalb, weil sie grundfalsch sind. Und wir alle täten gut daran, richtige Begründungen für das real existierende Elend Vieler an die Menschen zu bringen – und nicht die großen „Versteher_innen“ zu spielen um die „besseren Lösungen“ für ein von Nazis definiertes Problem zu liefern.



online seit 04.08.2016 10:05:06 (Printausgabe 75)
autorIn und feedback : Nikola Staritz




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