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  Vom Kampf um die Stadt …

… zum Krieg am Gartenzaun

Pünktlich zum beginnenden Wien-Wahlkampf verweist das Wien Museum auf eine Zeit, in der der „Kampf um die Stadt“ schon mal heftiger ausfiel. Der Gemeindebau war damals wie heute zentraler Protagonist. Im „roten Wien“ wurden in knapp zehn Jahren rund 400 Wohnanlagen gebaut. Von Anfang an betrieb die Partei professionelle Kommunikationspolitik um den Gemeindebau, wie die Ausstellung „Kampf um die Stadt. Politik, Kunst und Alltag um 1930“ anhand von Werbematerial, das Wien national und international als Vorbild propagierte, zeigt. Die Architektur sollte ein Symbol des Fortschritts mitten in der Stadt bilden, mit vorbildlichen sanitären und sozialen Einrichtungen im Inneren.

Als quasi-militärische Festung fungierte der Bau hingegen vorwiegend in der bürgerlichen Gegenpropaganda: De facto konnten 1934 Bauten wie jener am Friedrich Engels Platz problemlos von der Polizei besetzt werden. Rassistische Angstparolen mit antisozialdemokratischer Stoßrichtung wurden schon damals diskursiv im Gemeindebau geerdet: „Ob Kind, ob Jud, ob groß und klein/Alles muss Soziwähler sein!/Hat der Polnische brav gewählt/er eine Gemeindewohnung erhält“ reimt, flankiert von einer antisemitischen Karikatur, eine ausgestellte Broschüre des christlich-sozialen Vereins Währing 1932.

Ein Bild vom Leben im Gemeindebau abseits parteilicher Inszenierungen sucht man in der Ausstellung allerdings vergeblich. Der Bau scheint in den 1920er/30er Jahren vom Klassenkampf untrennbar gewesen zu sein. Auch die innerlinke Debatte kam am Gemeindebau nicht vorbei: Ein Flugblatt der KP, das Delogierung von Arbeitslosen durch die Gemeinde Wien kritisiert, und eine Collage über schlechte Wohnqualität, die auch den Gemeindebau nicht ausspart, sind im Wien Museum zu sehen.

Nach jahrzehntelangem Abdriften in die Bedeutungslosigkeit für die parteiliche Selbstdarstellung erlebt der Gemeindebau in Wien heute eine propagandistische Renaissance. Von Medienberichten über erfolgreiche FP-Mobilisierung im Gemeindebau alarmiert hat die Stadtverwaltung den Gemeindebau ins Zentrum einer PR-Großoffensive gestellt. Damit steigt sie ein in den Kampf um die Deutungshoheit über soziale Konflikte. Der FP-Inszenierung des Baus als Brennpunkt von Territoriumskämpfen zwischen angeblich antagonistischen Kulturen wird zweigleisig begegnet: Zunächst mit einer Wohlfühlkampagne, die auf Service und Dialog setzt – Mediation statt Eskalation („Durch’s Reden kommen die Leut’ z’samm“). Gleichzeitig aber werden auch die rechten Rufe nach Ordnung aufgegriffen und damit letztlich legitimiert.

Das scharfe klassenkämpferische Profil der Sozialdemokratie der 1920er habe viele abgeschreckt und die Niederlage der Partei eingeleitet, so eine These der Ausstellung im Wien Museum. Diese umstrittene Lehre aus der Geschichte hat sich die SP-Führung heute allzu sehr zu Herzen genommen, und vermeidet jede akzentuierte Thematisierung von sozialen Konflikten. Wo Arme infolgedessen die Reichen aus den Augen verlieren, treten horizontale Konflikte wie Nachbarschaftskonflikte in der Alltagswahrnehmung in den Vordergrund.

Die Ausleuchtung solcher Themen rund um die Untiefen des Zwischenmenschlichen ist ja das Spezialgebiet des Privatfernsehens. Normalerweise dominiert dort der sozialpornografisch-disziplinierende Blick von oben: Das TV-Äquivalent des Ordnungsberaters wird dort auf sozial deklassierte Privathaushalte losgelassen, um sie vorzuführen und sie zu unterweisen, wie man es richtig macht – das Schulden Zurückzahlen, das Kinder Erziehen und das Haustiere Versorgen. Die Serie „Krieg am Gartenzaun“ (RTL II) sticht da heraus: Während in anderen Serien des Genres sozialarbeiterische Pädagogik geheuchelt wird, um den Voyeurismus zu legitimieren, wird hier auf diese schale Inszenierung verzichtet. Ganz offen spricht der Moderator geringschätzig von „Freaks“, die er dann in der Sendung vorführt: NachbarInnen, die um Alltägliches wie Grundstücksgrenzen, Lärm, Geruch oder Haustier-Übergriffe streiten.

Die KontrahentInnen reichen vom Sozialhilfehaushalt bis zur gut bürgerlichen Eigenheimfamilie, es wird also kein „Unterschichtproblem“ konstruiert. Die Sendung schert sich auch keinen Deut um irgendeine Form der Mediation oder Konfliktlösung, wie sie sonst das Help-TV-Genre kennzeichnet. Positionen werden in ihrer ganzen Kläglichkeit nebeneinander gestellt, dann wird achselzuckend zum nächsten Fall übergeleitet.

So zynisch exploitativ diese Sendung auch ist – für den Kulturkampf um den Gemeindebau enthält sie eine unverhofft emanzipatorische Botschaft: Die Konflikte, die für so viel politischen Wind in und um den Gemeindebau sorgen, sind keine „kulturellen“ Konflikte, die dem Zuzug von Menschen mit „fremden Sitten“ zuzuschreiben sind – sondern ganz banale Nachbarschaftskonflikte, wie sie überall zu finden sind, wo Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen. Und wenn sich daran glauben ließe, dass Menschen zur Einsicht fähig sind, wenn man ihnen den Spiegel vorhält, dann wäre die wöchentliche Großbildleinwand-Projektion von „Krieg am Gartenzaun“ vielleicht eine bessere Investition als 50 neue OrdnungsberaterInnen. Slogan-Vorschlag: „Durch’s Fernsehen kommen die Leut’ z’samm.“



online seit 29.01.2010 11:34:45 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : BW


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1967Hausmeister is back: Regieren im Gemeindebau
www.malmoe.org/artikel/regieren/1946Das neue Reden im Gemeindebau. Interview Gebietsbetreuung
www.wienmuseum.atAusstellung "Kampf um die Stadt"



Was wurde eigentlich aus...?

Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 11: Homo-Ehe
[01.07.2010]


Was würdest du...

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[21.06.2010,Elfie Resch]


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[09.06.2010,Elfie Resch]


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