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  TechnoTanzKlasse

Vom Klassenzimmer in die Klassengesellschaft: Krochn, Tecktonik und Politik

In distinktionsorientierten Kreisen ist die Großraumdisco schlecht angeschrieben: Sie gilt als seelenlose Kommerzhütte für den anspruchslosen Massengeschmack, in der stilistische Innovationen erst ankommen, wenn sie ausgereizt und ausverkauft sind. Quasi der Bodensatz des Nachtlebens. Im „Jugendkultur Guide 2004“ etwa schreiben heimische JugendforscherInnen, dass die Techno-Szene nach dem Ende ihrer großen Zeit in den 90er Jahren heute in zwei Welten geteilt sei: „Eine kleine kreative Kernszene, in der sich intellektuelle junge Erwachsene bewegen, und eine breite, konsumorientierte Freizeitszene, in der vor allem Jugendliche aus dem Lehrlingsmilieu zu finden sind“ - eine populäre Partywelt in Großraumdiscos, wo chartstauglicher Techno-Pop den Hintergrund für ein lustiges Wochenende bilde.

Innovationslabor Großraumdisco

Doch während die elektronische Clubszene schon bessere Zeiten gesehen hat, haben Techno-Großraumdiscotheken die beiden faszinierendsten neuen Jugendkulturen der letzten Monate hervorgebracht: Was zuletzt unter den Etiketten „Krochn“ in Österreich und „Tecktonik“ in Frankreich durch die Medien gereicht wurde, hat sich aus Versatzstücken des globalen Techno-Mainstreams, aktueller Mode, etablierten Clubtänzen und lokalem Slang jeweils originelle lokale Codes gebastelt, deren Blickfang-Qualitäten für Furore sorgen. Herausgebildet haben sie sich mimetisch in und um Großraumdiscos wie Nachtschicht in Wien und Metropolis in Paris. Und es dauerte Monate bis Jahre, bevor sie über die Medien vom Rest der Gesellschaft entdeckt wurden.

Wie konnte die Großraumdisco zum Innovationslabor werden? Integriert in riesige Einkaufstempel am Stadtrand, bieten sie den BesucherInnen gegen teils beträchtliche Eintrittsgebühr eine vorstrukturierte Erlebniswelt, in der wenig Raum für Abweichung besteht. Die Nachtclub-Forscher Paul Chatterton und Robert Hollands bezeichnen Mainstream-Großclubs als „ultimative Gated Communities“. Denn hier werden herrschende gesellschaftliche Normen und Ausschlüsse rigide durchgesetzt. Das beginnt bei der Armada von Securities, die für Vorselektion und normenkonformes Verhalten sorgt. Einlasswillige werden zum Herausputzen angehalten, wovon sich die Betreiber ein Aussieben der weniger Kaufkräftigen, eine Hemmung der Rauflustigkeit und eine Hebung des Ambientes erhoffen. Die Türpolitik hat der Nachtschicht schon Erwähnungen in den Rassismus-Reports von ZARA eingebracht, denn äußerliche Hinweise auf Migrationshintergrund wurden wiederholt zum Nicht-Einlass-Kriterium. Um das Metropolis kursieren auch solche Episoden, wenngleich im Allgemeinen die Hautfarben-Palette dort breiter ist. Auch die herrschende Geschlechterordnung schlägt sich deutlich nieder: Die Kontrollstruktur (Besitzer, Türsteher, DJs…) bilden ausschließlich Männer. Frauen arbeiten an der Bar und als Stripperinnen. Dies, Getränkeaktionen und Themenparties kanalisieren die Wünsche in Richtung Besäufnis und Aufriss entlang etablierter Geschlechtercodes.

Jonglieren mit Stil

In diesem rigide normierten Umfeld, das Bekleidungsstandards, Zahlungsfähigkeit, sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit, Trinkfestigkeit und gute Laune-Verhalten vorschreibt, müssen die Jugendlichen navigieren. Zu den wenigen Bereichen, in denen so etwas wie ein Freiraum verbleibt, zählen kleine Variationen innerhalb der Bandbreite zugelassener Outfits. Und die Tanzfläche.

In diese Nischen haben die BesucherInnen von Nachtschicht und Metropolis große Energien gesteckt und eigene Standards entwickelt bzw. importiert, die sich mit der Zeit mimetisch zu einer Szene ausgebreitet haben. In Wien sind Varianten des Beinarbeit-intensiven Hardstep zum Inbegriff von „Krochn“ geworden, in Paris wurde das Armbewegungs-betonte Vogueing mit HipHop-Elementen zu einem Style versetzt, der unter Namen wie Electro, Vertigo und Milky Way kursierte, bevor das Metropolis ihn unter dem Namen der Clubnacht „Tecktonik“ zu vermarkten begann, rund um die der Stil seinen zentralen Ausgangspunkt hatte.

Hardtekk "aufweichen"

Und obwohl zumindest in Wien migrantische Kids scheinbar in eigenen Clubs konzentriert sind, und etwa rund um die Liesinger Disco „Nachtwerk“ als „Zerlega“ firmieren, und Auseinandersetzungen durchaus vorkommen, bewohnen sie de facto die gleiche Szene wie die Krocha, nicht zuletzt an Berührungspunkten wie Schule, Straße und Arbeit, und haben sichtbare Einflüsse auf die „Schwabos“ ausgeübt, was sich sowohl im hybriden Slang als auch im Styling ausdrückt. In Paris ist diese Melange noch stärker. Zu Hause in den Vorstädten würde man sie mit ihren rosa und neon-Outfits und ihrem exaltierten Tanzstil als „Schwuchteln“ beschimpfen, begründet ein Teck-Tänzer in einem Zeitungsinterview, warum sie zum Tanzen in die Innenstadt kommen. Tecktonik scheint tatsächlich auch in der Schwulenszene Fuß gefasst zu haben, wenn man Teck-Videos von der Gay Parade als Indiz werten darf.

Auch die männlichen Krocha werden ob ihres gepflegten Äußeren und farblicher Vorlieben in Internetforen mit einschlägigen Zuschreibungen beschimpft. Mithalten mit migrantischen Stylingstandards, Einflüsse aus HipHop-Style, Türsteherkriterien und das trickle down medialer „Metrosexualitäts“-Trends scheinen für androgyne Stilversatzstücke bei den Krochan zwar eher verantwortlich zu sein als das Hinterfragen geltender Geschlechterordnungen. Im Vergleich zu Vorgänger-Trends wie Gabba lassen sich aber dennoch Verschiebungen feststellen: Die Nähe der Gabbers zum martialischen Skinhead-Stil, inklusive rechter Tendenzen, ließ wenig Raum für Frauen und MigrantInnen. Gabber-Stilelemente leben aktuell im Jumpstyle weiter. Dass im aktuellen Scooter-Video „Jumping all over the world“ nur weisse Männer beim jumpen zu sehen sind, während Frauen erstmals am Ende vorkommen, nämlich als AdressatInnen der Aufforderung, als Gespielinnen in den VIP-Raum zu kommen, spricht Bände. Eine Beobachtung aus der Nachtschicht: Jumpstyle-Nummern rufen vorwiegend bullige Männer auf die Tanzfläche, während die Frauen abtreten. Beim „Krochn“ hingegen sind sowohl Männer als auch Frauen aktiv. Im Unterschied zu den reinweissen Männergruppen, die es in Technokulturen gab und gibt, haben Krochn und Tecktonik also vergleichsweise „weichere“ Züge und mehr Raum und Attraktivität für Frauen und MigrantInnen.

Das Geld rennt hinterher

Auf die Herausbildung neuer Stilformen unter den Gästen haben die Großraumdiscos prompt reagiert. Regelmäßige Tanzwettbewerbe verwandeln die Tanzenden in unbezahlte Attraktionen der Clubs. Wie Superclubs in Großbritannien, die ihre Marke mit Merchandise vermarkten, produziert die Nachtschicht seit Jahren eine äußerst erfolgreiche Reihe von CD-Compilations, mit der sich die Disco ins Wohnzimmer holen lässt. Das Metropolis ging einen Schritt weiter und etablierte mit „Tecktonik“ gleich eine eigene Marke, mit der es von der Durchsetzung des Tanz- und Modetrends zu profitieren versucht. Andere Clubs und selbständige Merchandiser, die den Namen verwenden, werden geklagt. Tecktonik-Compilations mit Electro-Musik wurden Richtung Charts lanciert.

In Wien sind die Dimensionen bislang bescheidener: Im Herbst 07 kursierten Pläne regelmäßiger „Krocha“-Parties in der Nachtschicht-Filiale SCS. Die Schließung der Filiale (mittlerweile: „Millenium“ – eine andere Kette) vereitelte vorerst diesen Plan. Die jungunternehmerischen Jungs der Website krocha.at verkaufen T-Shirts, Tassen und anderes bescheidene Merchandise (die Herausgabe einer Krocha-CD ist jedoch angeblich in Planung). Ebenso ist der Versuch, Bewegungs-„Hymnen“ zu schaffen, im heimischen Fall bei Stee Wee Bees „Ultimate Krocha Anthem“ als Spaß geraten, in dem Parallelen zwischen Krochan und Schuhplattlern gezogen werden, während Dim Chris’ „Tecktonik Anthem“ namens „No Sucker“ ein bemüht wirkender Versuch ist, einen Tanztrend mit einer als eigenständig verkaufbaren musikalischen Basis zu versehen.

Denn Krochn/Zalegn und Tecktonik/Electro/Vertigo sind keine genuinen Musikrichtungen. Es ist das Tanzen, und es sind die TänzerInnen, die das lebendige Zentralelement dieser Phänomene ausmachen. In den französischen Jugendmagazinen - die üblichen Werbekataloge für Bands und SchauspielerInnen - stellt die Vermarktung von Tecktonik notgedrungen auf Porträts der Tänzer ab. Teenies mit Namen wie „Treaxy“ und „Jey Jey“ geben Auskunft über ihren Alltag, ihr Liebesleben und ihren Stil – sie sind die Stars. Zwar bemühen sich Marken wie Vertifight, mit dem Austragen von Battles zwischen Tanzcrews Geld zu machen. Aber klar ist: Statt vorgesetzten abgehobenen Idolen wird Respekt und Aufmerksamkeit Leuten aus den eigenen Reihen im lokalen Kontext gezollt.

Rave radikalisieren


Vielleicht ist einer der zentralen Unterschiede des vorstädtischen Großraum-Disco-Zweigs von Techno gegenüber den studentisch geprägten innerstädtischen Electro-Clubs und verbliebenen illegalen Raves in der Free Tekkno-Szene, dass statt Exklusivität und Klandestinität Öffentlichkeit gesucht wird. Wie bei den meisten Teenager-Kulturen geht es da sehr ums Auffallen. Während Underground-Raver im Großraum-Techno und seinen Fans eine Verfallsform hehrer Ideale sehen, sind die Krocha/Zerlega/Styla und ihre französischen Verwandten in gewisser Hinsicht sogar radikaler als die ursprünglichen Raver. In Techno-Anfangszeiten wurden mit selbstorganisierten Großveranstaltungen in aufgelassenen Lagerhallen oder im Freien gern öffentliche Räume für ein Wochenende besetzt, um der Kommerzialisierung des Nachtlebens etwas entgegenzusetzen, und Temporäre Autonome Zonen zu schaffen, die der getanzten Ekstase gewidmet waren.

Die aktuellen jugendlichen Tanzkulte gehen einen Schritt weiter: Sie tragen die Idee in den Alltag - in die Einkaufszonen, die Parkplätze, die U-Bahn, die Klassenzimmer, die Fast-Food-Restaurant, ja sogar die Truppenübungsplätze. Rumhängen, posieren und dann und wann ein Tänzchen, vom Handy musikalisch untermalt und gefilmt, am nächsten Tag auf youtube. Dass die Videos kaum in der Disco entstehen, liegt nicht nur an den schlechten Lichtverhältnissen oder dass die ganz Jungen da nicht reinkommen – der öffentliche Raum wird bewusst zur Bühne. Das mag auch an dem besonderen Stellenwert von öffentlichem Raum für die Freizeit von proletarischen und insbesondere migrantischen Jugendlichen liegen – wenn es zu hause eng ist, muss notwendigerweise kollektiv draußen abgehangen werden. Krocha und Tecktoniks besetzen den öffentlichen Raum jedenfalls besonders kreativ und ausdruckstark.

Dumm und unpolitisch?

Krocha werden dennoch gern als dumm und unpolitisch abqualifiziert. Das Politische an Jugendszenen findet sich aber selten in irgendwelchen Szene-Manifesten, sondern kommt im Verhältnis zum Ausdruck, das der Rest der Gesellschaft zur jeweiligen Szene unterhält. Ein Beispiel dafür ist Rave, das in Großbritannien als pure fun begann, sich aber zum Politikum entwickelte, als die Regierung mit Polizei und Verboten gegen die Parties vorging. Dass sich die Krocha-Szene seit weit über einem Jahr verdichtet, ja der französischen Variante sogar eine noch viel längere Entwicklungszeit nachgesagt wird, aber die Medien erst auf sie aufmerksam wurden (und davon nehmen wir MALMOE auch nicht aus), als eine neue Krocha- und Zerlega-Generation mit Neonkappen über-auffällig wurde bzw. als Tecktoniks die Pariser Technoparade im Herbst 07 überschwemmten, sagt wenig über die Relevanz der Szenen, aber viel über die soziale Distanz aus, die Medien-Schreiberlinge und ihre LeserInnen zu den Vorstadtkids haben. Diese setzt sich im tendenziell herablassenden, bemüht ironisierenden Ton der Berichterstattung fort – der in seltsamem Widerspruch zu der offenkundigen Faszination steht, die der Stil des proletarischen Jungvolks auf seine bürgerlichen BeobachterInnen ausübt. Dass Modetrends diesmal vom gesellschaftlichen "Unten" gesetzt werden, irritiert offenbar das Hierarchiedenken so mancher. Die Offenlegung dieser gesellschaftlichen Klassenabschottung provoziert zu haben ist politisch genug.

Die Krocha-Geburtsstätte ist jedenfalls politisch heiß umfehdeter Boden: In der Nachtschicht feierte die SPÖ Wahlkampfparties, lud VP-Schüssel 2006 zum „Lehrlings-Event“, ein paar Monate später präsentierte FP-Strache dort seinen Wahlkampf-Parolen-Rap, und Promis wie Richard Lugner lassen sich in der „Schicht“ gern jugendverbunden fotografieren. Auch die Gewerkschaftsjugend beackert die Nachtschicht und bietet ihren Mitgliedern Eintrittsermäßigungen und den Gästen Lehrlingsberatung vor Ort.

Auch in Graz ist die Krocha-Welt umkämpft. Während das BZÖ einen mit Großraum-Techno unterlegten Hetzparolen-Jingle unter die Leute zu bringen versucht, hat sich im März bei einer Autonomen-Demo gegen die Angelobung von FP-Spitzenkandidatin Winter als Gemeinderätin eine Gruppe als „Autonome Krocha Antifa“ verkleidet und so dem traditionellen Autonomen-Schwarz bunte Neonsprengsel beigemischt. Eine Intervention, die den Weg zur inspirierten Anerkennung statt höhnischer Abgrenzung für uns aneignungswillige Beobachtende jugendkultureller Einfälle weisen könnte.


online seit 07.04.2008 14:34:27
autorIn und feedback : Beat Weber


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1569Ein älterer Artikel zum Thema
www.malmoe.org/artikel/tanzen/1609TeleDancing: Cordula und Patrick schauen youtube



Wie vorher!

aus dem Diskursiv: Vom Leben mit Kindern
[05.10.2018,Monika Vykoukal]


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Vom Leben mit Kindern [05.10.2018,Patrick Ward]


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