Ein glorreicher Zeitpunkt ...

EIN KURZBERICHT ZUR PODIUMSDISKUSSION "ALTERNATIVEN ZUR EINHEITSZEITUNG"
VON BERT SCHWEITZER

 
 

"Alternativen zur Einheitszeitung" war das Thema der Podiumsdiskussion, die Malmoe am 9.5. im Wiener WUK initiierte. Unter der Leitung von Meike Lauggass diskutierten Hito Steyerl, Gudrun Hauer, Lawrence Grossberg, Sepp Brugger und Melina Klaus.

Die politische Künstlerin Hito Steyerl verwies einleitend mit ein paar Fragen an Radio Eriwan auf Paradoxien emanzipatorischer Medien. Ihre Schlussfolgerung: Trotzdem viele Projekte in Vergangenheit und Gegenwart gescheitert sind brauchen wir sie dringend, immer wieder. Steyerl vermochte eine geballte Ladung Optimismus zu verbreiten: "Jetzt ist ein glorreicher Zeitpunkt um ein neues Medium zu gründen." Erst jetzt, wo der sozialpartnerschaftliche Konsens (der sich auch auf Repräsentation in den Medien erstreckte) weg ist und bisher in Medien und politischen Vertretungsorganen gut repräsentierte Gruppen um diese Privilegien umfallen, werden neue, breitere Interessenskoalitionen mit bisher ausgeschlossenen Minoritäten möglich. Als eine Aufgabe für Malmoe sieht Steyerl, ein Forum zur Verständigung zwischen diesen neuen widerständigen Gruppen zu etablieren.

Die feministisch-lesbische Medienmacherin Gudrun Hauer forderte von linken Medien explizite Parteilichkeit für Minoritäten und beschrieb anschließend die Bollwerke der Macht, die zur Zeit gegen freie Berichterstattung aufgebaut werden: Alternativmedien werden von der österreichischen Regierung durch Subventionskürzungen, Änderungen beim Postversand etc. massiv in ihrer Existenz bedroht. Dazu kommen die zensierenden Effekte der neuen Strafverschärfungen für investigative journalistische Berichterstattung. Dieses Gesetz schütze Täter und bestehende Herrschaftsstrukturen.

Der prominente US-Cultural Studies-Theoretiker Larry Grossberg vermittelte mit seiner Beschreibung der Mediensituation in den USA einen Eindruck, wie Zensur über Marktwirtschaft funktioniert. Die Folgen von Konzentration und Vermarktlichung in der US-Medienlandschaft sind weniger und dafür immer stärker parteiliche Inhalte, alles unter dem Anspruch der Objektivität. Als Erfordernisse für neue Medien, die sich diesem Trend entgegenstellen wollen, arbeitete Grossberg einige Punkte heraus:

1. Den üblichen Gestus elitärer Überheblichkeit vermeiden;
2. Nicht in Negativismus verfallen, der alles nur mit vernichtender Kritik überzieht;
3. Neue Gemeinschaften konstituieren;
4. Leute mit Werkzeugen versehen, die helfen, die Welt zu verstehen;
5. Mehr Information statt blosse Meinung bieten.

Auf die Rolle des Staates bei der Ermöglichung solcher medialer Strategien verwies der Mediensprecher der Grünen, Sepp Brugger, der Medienpolitik als kulturelle Kernaufgabe des Staates beschrieb. Medienvielfalt sei Voraussetzung für Demokratie und nicht nach marktwirtschaftlichen Kriterien zu beurteilen. Wenn man als Kriterium für die Qualität der Medienpolitik das Ausmaß, in dem sich partikuläre Gruppen öffentlich artikulieren können, und das Ausmaß, in dem Kommunikationswege einseitig oder interaktiv verlaufen, ansetze, müsse der österreichischen Medienpolitik ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt werden.

Dennoch sei in der aktuellen politischen Situation der Zeitpunkt für eine Medienneugründung vermutlich so günstig wie schon lange nicht, da bei zentralen AkteurInnen das Problembewusstsein wachse, nicht zuletzt in der Opposition.
Melina Klaus stellte in diesem Sinne das Projekt Malmoe vor – und fand sich alsbald in eine intensive Diskussion mit dem Publikum um Für und Wider eines neuen Mediums bzw. über investigativen Journalismus versus Meinungsbildung verwickelt. Für alle Beteiligten hoffentlich ein kleiner Vorgeschmack auf spannende Diskussionen und Debatten in und um Malmoe, die im Herbst so richtig losgehen werden.